Selbstverständnis der AWO Beratungsstellen

 

Die sozialpolitische und fachliche Position der Arbeiterwohlfahrt zum § 218

In ihrer Beratungsarbeit geht die AWO - entsprechend ihren Grundwerten - vom Selbstbestimmungsrecht und der Selbstverantwortung der zu beratenden Frauen und Männer aus. Damit treten wir auch ein für den vom Bundesverfassungsgericht zum § 218 geforderten "Schutz und die Achtung der Menschenwürde der Frau, vor allem für ihr Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit sowie ihr Persönlichkeitsrecht" (Leitsätze des Bundesverfassungsgerichts vom 18.05.1993). Das bedeutet auch, dass wir Frauen mit ihrer Verantwortung und in ihrem Recht auf Selbstbestimmung ernst nehmen. Aus dieser, in der AWO fest verankerten Grundhaltung leitet sich sowohl die allgemeine Beratungsarbeit als auch die Pflichtberatung nach § 219 Strafgesetzbuch (StGB) und § 5 Schwangerschaftskonfliktgesetz (SchKG) ab, die auch von einer Verpflichtung zum Schutz des werdenden Kindes ausgeht.

Die AWO hat in der Debatte zur Neuregelung des § 218 die Rücknahme der Rechtswidrigkeit des Schwangerschaftsabbruches gefordert und insbesondere die verpflichtende Beratung - Zwangsberatung - scharf kritisiert. Psychosoziale Beratung muss aus Sicht der AWO freiwillig sein. An diesen Positionen halten wir grundsätzlich fest. Für die letzten Jahre sind allerdings eine Befriedung der gesellschaftlichen Debatte und eine Akzeptanz für die getroffene Regelung festzustellen. Wir sehen deshalb derzeit keinen Anlass, eine Neuauflage der Diskussion zur Regelung des Schwangerschaftsabbruches zu fordern oder für gesellschaftlich geboten zu halten.

Dem im Gesetz enthaltenen Widerspruch zwischen ergebnisoffener Beratung und Schutz des ungeborenen Lebens begegnen wir in unserer Beratungspraxis mit einem wertschätzenden und ganzheitlichen Beratungsansatz. Wir respektieren die vielfältigen und komplexen Bedingungen und Motive, die der Entscheidung schwangerer Frauen für oder gegen das Austragen einer Schwangerschaft zugrunde liegen. Als sozialpolitischer Verband setzt sich die AWO für entsprechende soziale und ökonomische Rahmenbedingungen ein, die es Frauen und Männern erleichtert, sich für ein Leben mit Kindern zu entscheiden.

 

Was wir für Sie tun können - Die Angebote unserer Beratungsstellen:

  • Beratung zu allen Fragen, die eine Schwangerschaft unmittelbar oder mittelbar berühren
  • Informationen zu Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung
  • Schwangerschaftskonfliktberatung
  • jede nach Sachlage erforderliche medizinische, soziale und juristische Information
  • Beratung nach einem Schwangerschaftsabbruch oder nach der Geburt eines Kindes

Wir beraten: Frauen, Männer, Paare, Jugendliche, Familien und Menschen, die zum sozialen Umfeld dieser Personen gehören. Bei der AWO ist jede und jeder willkommen - unabhängig von ethnischer Herkunft, Nationalität, Weltanschauung, Geschlecht, Alter oder sexueller Orientierung, mit und ohne Behinderung. Wir wenden uns an Besucherinnen und Besucher jeden Alters und jeder sozialen Herkunft, an Einzelpersonen ebenso wie an Gruppen. 

Die AWO arbeitet vernetzt mit vielen Fachberatungsstellen, Ärztinnen/ Ärzten, Fachbehörden, Juristinnen / Juristen etc.

Zu speziellen Fragestellungen können Fachkräfte unterschiedlicher Bereiche hinzugezogen werden. Selbstverständlich unter Einhaltung der Schweigepflicht und des Datenschutzes.

Beispielsweise können für Migrantinnen und Migranten je nach Aufenthaltsstatus, besondere rechtliche Bestimmungen gelten. In der Beratungsstelle können Fachleute mit ausländerrechtlichen Kenntnissen, gegebenenfalls auch Sprachmittler/-innen, hinzugezogen werden. Die Beratungsstellen der AWO halten Informationsmaterialien in verschiedenen Sprachen bereit.

Wir bieten:

bei Fragen zur Sexualität und Familienplanung

  • Sexualaufklärung
  • Sexualberatung
  • Informationen über Verhütungsmethoden

bei Fragen zu Schwangerschaft und Geburt

  • Beratung vor und während der Schwangerschaft
  • Schwangerschaftskonfliktberatung
  • Beratung und Angebote rund um die Geburt und nach der Geburt
  • Beratung zu Fragen bei Adoption

bei finanziellen und rechtlichen Fragen

  • Informationen zu Rechtsansprüchen und praktischen Hilfen, die (werdenden) Müttern zustehen (z. B. im Rahmen des Mutterschutzgesetzes)
  • Informationen zu familienfördernden Leistungen und Hilfen für Kinder und Familien
  • Informationen zu sozialen und wirtschaftlichen Hilfen für Schwangere, insbesondere finanzielle Leistungen, z. B. Leistungen der Bundesstiftung "Mutter und Kind"
  • Informationen zu besonderen Rechten im Erwerbsleben

bei medizinischen Fragen

Information, Aufklärung und Beratung zu

  • Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft
  • Methoden der Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs
  • möglichen Risiken bei der Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs
  • Verhütung und Sterilisation
  • Reproduktionsmedizin und Pränataldiagnostik

bei belastenden Fragen oder Krisensituationen

  • Schwanger und keiner darf es wissen!?
  • Verarbeitung eines Schwangerschaftsabbruchs
  • beraterische Hilfe nach Tod- oder Fehlgeburten
  • beraterische Hilfe bei ungewollter Kinderlosigkeit

bei partnerschaftlichen Fragen

  • Klärung von Beziehungs- und Sexualitätsproblemen
  • Klärung der Vorstellungen zum Mutter- bzw. Vatersein und zur Familie

bei sexualpädagogischen Fragen

  • Arbeit mit Gruppen
  • Angebote für Multiplikatoren/-innen (Lehrer/-innen, Erzieher/-innen, Mitarbeiter/innen von Jugend-, Behinderten- und Alteneinrichtungen, etc.)
  • individuelle Beratung

Wir können die beschriebenen Beratungen je nach regionalen Bedingungen und personeller Besetzung nicht immer selbst anbieten. Durch Vernetzung und Kooperation versuchen wir aber, ein möglichst umfassendes Angebot sicherzustellen.

Alle Beratungen unterliegen der Schweigepflicht und sind auf Wunsch anonym.

 

Gesetzliche Grundlagen der Schwangerschaftsberatung

Nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz hat jede Frau und jeder Mann einen gesetzlichen Anspruch auf Sexualaufklärung und Beratung zu Verhütung, Familienplanung und allen Fragen, die mit einer Schwangerschaft verbunden sind.

Mit dem Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz existiert seit dem 1. Januar 1996 ein bundeseinheitliches Recht zum Schwangerschaftsabbruch. Danach gilt:

Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland grundsätzlich rechtswidrig. Doch es gibt gesetzlich festgelegte Ausnahmen, unter denen ein Schwangerschaftsabbruch straffrei ist:

Ein Schwangerschaftsabbruch ist straffrei, wenn

  • die Frau den Schwangerschaftsabbruch verlangt,
  • die Frau durch eine Bescheinigung nachweist, dass sie mindestens drei Tage vor dem Abbruch in einer anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle beraten wurde und
  • die Schwangerschaft innerhalb von zwölf Wochen nach Empfängnis durch eine Ärztin oder einen Arzt abgebrochen wird.

Ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht rechtswidrig, wenn dafür besondere, ärztlich festgestellte Gründe vorliegen:

Bei kriminologischer Indikation (Vergewaltigung oder andere Sexualdelikte) besteht keine Beratungspflicht. Der Schwangerschaftsabbruch muss bis zum Ende der 12. Woche durchgeführt werden.

Stellt eine Ärztin/ein Arzt eine medizinische Indikation fest, ist ein Schwangerschaftsabbruch ebenfalls straffrei.

Hier finden Sie den genauen Text einzelner Paragrafen:

§ 219 Strafgesetzbuch
§ 2 Schwangerschaftskonfliktgesetz
§ 2a Schwangerschaftskonfliktgesetz
§ 5 Schwangerschaftskonfliktgesetz
§ 6 Schwangerschaftskonfliktgesetz

 

Positionen und ethische Fragestellungen zu Sexualität, Familienplanung und Schwangerschaft


Weitere Informationen zu ethischen Fragestellungen finden Sie in unserem


Stellungnahme zur geplanten Erprobungsrichtlinie "Nichtinvasive Pränataldiagnostik zur Bestimmung des Risikos von fetaler Trisomie 21 mittels molekulargenetischer Tests"


Positionspapier